Christlicher Lebensstil, Teil II

 

Strebungen des Menschen

Nach der Individualpsychologie von Alfred Adler werden in der Lebensstilanalyse folgende unbewußte Lebensziele sichtbar:

× Macht (bestimmen)

× Besitz (verfügen)

× soziales Prestige (beeindrucken, glänzen)

× moralisches Prestige (dienen)

× Selbstverwirklichung (entfalten)

==> Für jede Strebung eine Skala von Minimal bis Maximal; Aufgabe: Jeder macht auf jeder Skala einen Punkt, wo seiner Meinung nach der christliche Lebensstil anzusiedeln ist.

==> Pole benennen lassen, Gefahren der Pole

× Macht

u Pole: Laisser-faire-Stil <--> Herrschsucht

u Gefahren: Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit <--> Machtmißbrauch, Größenwahn

u Bibelstelle: "Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt ein köstlich Werk." (1. Tim. 3,1)

× Besitz

u Pole: Verarmung <--> Besitzgier (Festhalten am Besitz)

u Gefahren: soziale Abhängigkeit, Gefährdung abh. Personen <--> falsche Sicherheit, Werteverschiebung ("ich bin, was ich habe", Wert abhängig vom Besitz machen)

u Bibelstelle: "Wenn jemand nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen." (2. Thess. 3,10)

× soziales Prestige

u Pole: Selbstabwertung <--> Profilierungssucht / Anerkennungssucht

u Gefahren: Minderwertigkeit, kein Zutrauen, Neid (gönnt dem anderen nicht, daß er besser ist) <--> Profilierungsstreben, Aktionen sind ausgerichtet, um vor Menschen gut dazustehen

u Bibelstelle: "Welche aber ihren Dienst wohl ausgerichtet haben, die erwerben sich selbst ein gutes Ansehen." (1. Tim. 3,13)

× moralisches Prestige

u Pole: Egoismus <--> völlige Selbsthingabe

u Gefahren: Aktionen sind nur auf eigenen Vorteil ausgerichtet, Handlungen werden nur daran bewertet, wieviel sie mir selbst bringen <--> burn out, verausgaben, eigene Bedürfnisse ignorieren

u Bibelstellen: "Die Lügenredner gebieten, nicht ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die Gott dazu geschaffen hat, daß sie mit Danksagung empfangen werden (...) Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird." (1. Tim. 4,3.4)

"Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruhet ein wenig." (Mk. 6,31)

× Selbstverwirklichung

u Pole: Selbstverleugnung <--> Selbstverherrlichung

u Gefahren: eigene Gaben unter den Scheffel stellen (Nichteinbringung), Abwertung seiner Gaben <--> "Vergötterung", Überbetonung (Überschätzung) der Fähigkeiten, übertriebene Selbstdarstellung, Gabeneinsatz dient nur der eigenen Ehre

u Bibelstelle: "Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat." (1. Petr. 4,10)

 

Gruppenarbeit

Hinweis auf die "pseudochristlichen" Wertvorstellungen

==> Fallbeispiel Kathrin (siehe Anhang)

==> Beantwortung von Fragen

 

Eigenschaften von Kathrin

Resümée:

Kathrin befindet sich durchaus in der "pseudochristlichen" Kategorie

Macht: arbeite und reagiere wie eine Maschine

Besitz: spartanisch

moralisches Prestige: verausgabt und verschenkt sich, allen recht machen

Selbstverwirklichung: unterdrückt Wünsche nach Partnerschaft, denken auf andere konzentriert

Dennoch ist sie absolut nicht glücklich

Wichtig ist, daß wir uns nicht in den Extremen aufhalten.

Jede Eigenschaft hat ihre Stärken und ihre Schwächen.

Nicht: das eine ist gut (christlich), das andere ist schlecht (unchristlich).

==> evtl. Zusammentragen im Plenum

× Perfektionismus (überaus pflichtbewußt, großes Engagement, hoher Kräfteeinsatz)

× Diplomatie (möchte es allen recht machen)

× Selbsthingabe (verausgabt sich restlos, dient, verschenkt sich, lebt spartanisch, auf andere konzentriert)

× Menschenfurcht (überprüft, ob Gefühle erlaubt sind, will so sein, wie andere es von ihr gewohnt sind)

× Fremdbestimmung (stille Zeit aus Angst vor Gott, Selbstmord ist große Sünde)

Eigenschaft

Stärken

Gefahren

Perfektionismus

zuverlässig, gewissenhaft, korrekt, Ergebnis perfekt

zu hohe Erwartungen, nicht effektiv genug, setzt sich zu sehr unter Druck

Diplomatie

ausgleichend, lösungsorientiert, verbindend, nach Einheit bestrebt

unecht, zu sehr von der Meinung anderer abhängig, verbraucht sich zu sehr, weil er es allen recht machen will

Selbsthingabe

dienend, aufopferungsvoll, hilfsbereit, Nächstenliebe

ausgebrannt, keine Kraft mehr, achtet zuwenig auf sich selbst

Menschenfurcht

beachtet Meinung anderer, nicht verletzend

läßt sich zu sehr von der Meinung anderer beeinflussen, ist dadurch nicht sich selbst

Fremdbestimmung

kann auf andere hören/achten, kann sich unterordnen

eigene Wünsche kommen zu kurz, mangelndes Selbstwertgefühl, mangelnde Verantwortungsbereitschaft

 

 

Menschenfurcht kontra Echtheit

Menschenfurcht, Beispiel Pilatus:

Lk. 23,12: befreundet sich mit Herodes

Lk. 23,14.16: Obwohl Pilatus keine Schuld an Jesus findet, will er ihn züchtigen lassen

Lk. 23, 23.24: Nachdem das Volk genug geschrieen hat, gibt Pilatus nach

Joh. 18, 39.40: Pilatus kann nicht zu seiner Feststellung stehen, er versucht sich zu winden

Joh. 19,6: Obwohl Pilatus keine Schuld findet, überantwortet er ihn den Juden (Verantwortung abschieben)

Joh. 19,7.8: fürchtet sich vor den Juden

Joh. 19,12: Pilatus fürchtet um seine Karriere

Joh. 19,16: Pilatus gibt dem Druck nach

Definition Echtheit / Authentizität:

Die Fähigkeit, völlig sich selbst zu sein, offen die eigene Meinung zu sagen und sich in der eigenen Haut wohl zu fühlen.

Beispiele:

1) Seelsorger: Ratsuchender sucht ständig zu allen möglichen Zeiten und Orten Gespräche

Dies erfordert vom Seelsorger eine gewisse Distanz, indem er Ort und Zeiten einschränkt.

2) Spiel: Nein-Sagen

3) Vorlesen des Beispiels von Lyle

Eigenschaften:

u diplomatisch

u wollte es jedem recht machen

u ließ sich von anderen ihre Wünsche aufdrücken

u versuchte stets, allen Erwartungen zu entsprechen

Folgen:

u zog den kürzeren

u wurde es leid, immer etwas vorzuspielen

u wollte aus Geschäft aussteigen, obwohl er geachtet war und bewundert wurde

u erfolgreich, aber auf Kosten seines inneren Frieden und seines Selbstwertgefühls

Konsequenz:

u bemühte sich um Glaubwürdigkeit und Echtheit

u sorgte sich nicht mehr darum, was andere über ihn dachten

u ermutigte seine Frau es ebenso zu machen

u Echtheit führt häufiger zu Meinungsverschiedenheiten

4) Jesus

Ich denke, ein großartiges Vorbild für Echtheit in der Bibel ist Jesus

u Er lebte exakt das, was er predigte, er spielte nichts vor

u Ihm war egal, was andere über ihn dachten, er nahm kein Blatt vor den Mund, egal welche Folgen das für ihn hatte, selbst wenn er vom Leben bedroht wurde (Lk. 4, 22-30)

u Jesus hatte viele Meinungsverschiedenheiten, scheute sich nicht vor der Konfrontation.

u Er hatte inneren Frieden und verfügte über ein gesundes Selbstwertgefühl.

 

 

Fragen zum Fallbeispiel

 

1. Welche Charaktereigenschaften besitzt Kathrin?

 

2. Welches Gottesbild hat Kathrin und wie sehen ihre christlichen Wertvorstellungen aus?

 

3. Welche Probleme liegen darin begründet, daß sie "pseudochristlichen" Wertvorstellungen genügen möchte?

 

4. Nur beantworten, falls noch Zeit vorhanden: Welche Hilfestellungen würdet Ihr Kathrin als Seelsorger geben?

Fallbeispiel Kathrin

Kathrin ist Stationsschwester, 32 Jahre alt und unverheiratet. Seit sieben Jahren leidet sie unter Ängsten und Depressionen. Lange Zeit wollte sie diesen Zustand nicht wahr haben und hat auch nach außen hin mit niemand darüber gesprochen. Vor einem halben Jahr hat sie sich auf Anraten einer Kollegin an die BTS gewandt.

Kathrin gehört zu denjenigen Menschen, die ihren Beruf überaus pflichtbewusst erfüllen. Begegnungen nimmt sie sehr ernst und geht daher Besuche oder Einladungen mit großem Engagement und hohem Kräfteeinsatz an. Wenn ein kleines Fest geplant ist, verausgabt sie sich restlos - weil sie es allen recht machen will. Eine hohes Ausmaß an Sensibilität und Feinfühligkeit ist ein weiteres Kennzeichen Kathrins. Sie zeigt dies im Dienst an anderen Menschen, denen sie sich fast "verschenkt".

Sich selbst gegenüber ist Kathrin sehr spartanisch. Ihr Denken ist immer auf andere Menschen konzentriert. Obwohl sehr sensibel, erlaubt sie sich kaum Gefühlsregungen. Alle Gefühle, die in ihr hochkommen, werden gefiltert und ganz genau überprüft, ob sie "erlaubt" sind. Diese Einstellung verbietet ihr auch, sich nach einer Partnerschaft zu sehnen oder überhaupt Zukunftswünsche in diese Richtung zu haben. Sie hat deshalb auch keinerlei Zukunftsperspektiven.

Nun sitzt sie in einer BTS-Gruppe und formuliert (das erste Mal in der Öffentlichkeit), was bisher in ihrem Leben abgelaufen ist: "Ich wusste zunächst mit diesen Zuständen nichts anzufangen und unterdrückte alles, so gut es ging. Das Wort "Depression" wollte ich überhaupt nicht in den Mund nehmen. Ich versuchte meine Rolle weiterzuleben und alles zu überspielen - bis ich nicht mehr konnte. Ich fühle mich unwert, nichtgeachtet und ausgenutzt. In meinem Leben gibt es überhaupt keine Freude mehr - und das als Christin! Ich bin immer müde und kann nicht mehr schlafen. Meine "stille Zeit" mache ich nur, weil ich Angst habe, dass mich Gott sonst verlassen würde. Morgens möchte ich am liebsten nicht aufstehen, wenn ich an den langen vor mir liegenden Tag denken. Im Gottesdienst höre ich immer wieder, dass Schuld oder okkulte Belastung zu seelischen Störungen führen. Aber ich bin doch wiedergeboren!

Meine Rolle in der Gemeinde ist immer die, so zu sein, wie es andere von mir gewohnt sind. Ich selbst empfinde eigentlich gar nichts mehr, nur noch eine tiefe Leere. Ich arbeite und reagiere wie eine Maschine. Es ist schrecklich in diesem Zustand, der immer wieder kommt, zu leben. Manchmal geht es ein wenig besser aber ich falle so oft in das Loch zurück. Dann ziehe ich mich von der Umwelt total zurück und schließe mich ein. Die Arbeit versuche ich mit letzter Kraft zu erledigen - bin dann aber auch erledigt. Ich kann nicht mehr lachen und weinen, ich schreie zu Gott - beten fällt schwer - alles kostet Überwindung. Manchmal möchte ich nicht mehr leben - aber vor Selbstmord habe ich Angst, das ist doch eine große Sünde! Ich habe so sehr den Wunsch, einen Punkt zu erreichen, an dem ich zufrieden bin. Ich will mich aufmachen, dieses Dunkle anzupacken und möchte darüber stehen - und nicht die Angst über mir!"

Kathrin hat neben der BTS-Gruppe auch noch Einzelgespräche. Es ist ein langer Weg, verbunden mit viel Arbeit - aber zunehmend wird ihr Leben heller...

Quelle: H. L. Dieterich, Biblisch Therapeutische Seelsorge

 

 

 

Fragen zur 2. Gruppenarbeit

 

1. Wie sehr lasse ich mich von der Meinung anderer beeinflussen?

2. Habe ich immer den Mut, meine Meinung offen zu sagen?

3. Fühle ich mich wohl in meiner Haut, weil ich das Gefühl habevöllig ich selbst zu sein?

4. Wo ist es in Bezug auf christlichen Lebensstil wichtig, offen die Meinung zu sagen?

 

Beispiel Lyle

Im Lauf der Zeit ist Lyle zu der Überzeugung gekommen, dass Echtheit absolut entscheidend für ein gesundes Leben ist. Viele Jahre lang verhielt er sich äußerst diplomatisch und strebte danach, es immer jedem recht zu machen. Er ließ sich von anderen ihre Wünsche aufdrücken und versuchte stets, allen Erwartungen zu entsprechen. Aber dabei zog er letztlich den kürzeren. Er wurde es leid, immer etwas vorzuspielen; und es kam so weit, dass er aus dem Geschäft aussteigen wollte, obwohl er ein geachteter und bewunderter Leiter war. Sein Kampf war, wie er heute weiß, die Folge davon, dass er nicht authentisch gelebt hatte. Er hatte Erfolg, aber es kostete ihn seinen inneren Frieden und sein Selbstwertgefühl.

Vor ein paar Jahren begann er, sich systematisch um Glaubwürdigkeit und Echtheit zu bemühen, und hörte auf, sich darum zu sorgen, was andere von ihm dachten. Und er ermutigte seine Frau sehr stark, es ebenso zu machen.

Damit begannen die Probleme. Ellen hörte auf ihn! Sie fing an, sich selbst so treu zu sein, wie sie nur konnte. Und die "neue Ellen" stieß immer wieder mit Lyle zusammen. War sie vorher fügsam und unterwürfig gewesen, so stimmte sie nun nicht mehr immer mit ihrem Mann überein. Sie hatte ihre eigenen Ideen, Meinungen und Blickwinkel. Lyles Bedürfnis nach völliger Kontrolle über seine Umgebung begann mit seinem Wunsch nach emotionaler Gesundheit und Echtheit für seine Frau zu kollidieren. Er überzeugte sie, dass Echtheit etwas äußerst Wichtiges sei, aber als sie ihn beim Wort nahm, kamen ihm Zweifel.

Quelle: N.C.Warren: Wie finde ich den Partner fürs Leben?